One Of These Days

Senara’s (entspannte) Meckerecke

Hoffnungsschimmer im Senioren-Bootcamp

Es gibt Neues von meinem Job. Ich bin immer wieder fasziniert wie viele Menschen bei der Ankunft in unserer Reha ihr Gehirn und ihre Manieren an der Garderobe ablegen. In letzter Zeit hat es wirklich Überhand genommen, weshalb ich mir Einträge zu dem Thema gespart habe. Es hätte mir eh keiner geglaubt, daß es so viel Vollpfosten auf einem Fleck gibt. Aber heute hat wieder jemand den Vogel abgeschossen. Eine fette, alte Giftnatter, die überhaupt kein Interesse daran hat, sich wieder bewegen zu können saß die Tage bei mir in der Kabine zu den Kneipp’schen Güssen. Daß man sich mit einem neuen Knie oder einer neuen Hüfte, die in diesem Falle reine Geldverschwendung war, nicht komplett selbstständig die Schuhe und Socken ausziehen kann, ist klar. Da helfe ich auch, je nach Schweißbefußung, mehr oder weniger gern. Aber der Ton macht die Musik. Besagte Dame hielt mir den Fuß entgegen und raunzte mich an: „Ziehense mir ma die Socken aus. Ich kann mich nich bewegen!“ Mir schossen diverse Gedanken durch den Kopf. Von ‚Kein Wunder bei geschätzten 150 kg Lebendgewicht‘ bis zu ‚Paß ma auf Alte, unfreundlich kann ich auch‘ Aber man hat sich ja im Griff. Als ich dann endlich das Wort ergriff, nachdem ich meine Gesichtszüge wieder sortiert hatte, kam folgender Satz zustande: „Ziehen Sie mir bitte die Socken aus, wollten Sie wohl sagen…“ Ein verdutzer Gesichtsausdruck auf der Gegenseite, die Schülerpraktikantin neben mir sortierte ihrerseits immer noch die Gesichtszüge. Ich hab ja damit gerechnet daß die Situation eskaliert und die Patientin mir eine Szene macht, aber nein. Brav wiederholte sie den von mir vorgekauten Satz und sprach mich auch bei jeder weiteren Möglichkeit inklusive des schweren Wörtchens „bitte“ an. Den Tag habe ich gefeiert, obwohl mir mein Unterbewußtsein irgendwo zuflüsterte: ‚Das war zu einfach!‘ Was soll ich sagen, es hatte natürlich Recht. Heute, nur im vorbei Laufen, hörte ich wie sich die alte Natter bei einer anderen Patientin darüber beschwerte daß ich ihr die Socken nicht ausziehen wollte. Ich bin aber auch ein unhöfliches Subjekt… Um keine falschen Verdächtigungen aufkommen zu lassen, habe ich die andere Patientin gefragt, ob ich den Wortfetzen richtig verstanden hätte. Man hofft ja doch immer das Beste. Leider hatte ich richtig verstanden. Und seitdem kämpfe ich mit totaler Fassungslosigkeit. Wie kann sich ein Mensch, der sich selber im Ton vergreift, darauf aufmerksam gemacht wird und sich selber verbessert (!) danach trotzdem über die Ungerechtigkeit in der Welt ereifern?!?! Und vor allem wieder: Wie kann es sein, daß ich mit meinen 26 Jahren einem Menschen von geschätzten 60 Jahren, beibringen muß was Manieren und höfliches Auftreten sind?!

Aber wie sag ich immer: Alles wird gut und es scheint sich zu bewahrheiten. Wir haben diese Woche ein paar Patienten aufgenommen, die auf Anhieb einen Hauptsatz inklusive Nebensatz verstehen und die genannte Information sogar umsetzen können. Trotzdem haben wir unter ausgewählten Kollegen einen Pakt geschlossen nach welchem wir uns jetzt nur noch in kompletten Sätzen und mit korrekter Grammatik ausdrücken. Mit ein bißchen Glück sind wir damit nicht nur ein Tropfen auf dem heißen Stein sondern ein Tropfen in einem See, der Wellen schlägt und sich ausbreitet. Drückt uns die Daumen…

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2 Kommentare»

  maddin wrote @

hab ich schon gesagt das ich deine einträge meistens echt schräg finde?
also von der angenehm schrägen art?
da binich diesmal wirklich froh das ich angenehme kunden habe, oder zumindest meine kunden nicht so derart persönlich kennenlerne

  senara wrote @

Tja, die besten und unglaublichsten Geschichten schreibt eben doch immer noch das Leben.
Also hab ich den Contest: Wessen-Job-Ist-Schlimmer gewonnen?!?! 😀


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